Spieglein Spieglein – schmeiss ihn an die Wand
Der Wecker surrt, das Handy scheppert, das Herz rast. Es raschelt nicht wie Notengeld, es klimpert nicht wie Münzen. Es pocht (noch)... Ein gutes Zeichen. Ein gutes Zeichen?
Gemeint ist das Herz der humanen Kapital-Einheit der Firma, es gibt viele davon. Nicht viele Herzen, aber viel humanes Kapital. Das Herz der humanen Ressource pumpt Energie in die Venen, in die Gefässe, in die Gefässe ohne Boden…Ich stehe auf. Der feste Wille und das Einverständis sich die intrinsische Motivation auch heute nicht abhanden kommen zu lassen und die Kraft aufzuwenden der Massendemotivation und vorherrschenden ignoranten Unfairness zu trotzen machen unruhig (mich auch?).
Aber auch das ist kein Problem: die Geschwindigkeit der sich überschlagenden Ereignisse wird auch heute wieder alle noch so unschönen Erlebnisse, alle noch so unruhigen Momente in einem nicht nachvollziehbaren Tempo durch andere Eindrücke überschreiben. Das unangenehmste Ereignis wird vom Kurzeitgedächtnis mit Vorliebe schneller über den Jordan und dadurch in die Gefilde der Vergessenheit gekippt. Und dies für eine lange Zeit, das heisst bis heute oder Morgen (ausser Freitags, dann eventuell bis Überübermorgen). Und auch dieser Tag wird ein ganz normaler Tag sein. Ein weiterer Tag, an dem die Zeit zum Verharren und wegen einer kleinen Sache Unruhig-Werdens fehlt, sie weicht der kumulierten Unruhe des Ganzen, welches mehr ist als die Summe seiner Teile wohlbemerkt.
Manchmal kommen ehrliche Eindrücke des nicht in Harmonie-Seins auf, das ist wirklich lästig. Wachsamkeit bedeutet eben manchmal auch Dinge zu sehen, die man nicht sehen will. Es ist aber auch nicht ganz einfach Wegzusehen, wenn nach eigenartigen Kriterien gewisse als Helden, anstatt Versager zelebriert werden. Aber vermutlich kommt das daher, dass unterstes Mittelmass gut genug ist.
Gut genug, um genügend Zeit zu haben, um mit geschicktem Selbst-PR und hinterhältigen Falschaussagen, bis hin zum Mobbing und Verleumdung der gefährlichen Leistungsorientierung-Evangelisten die eigene fehlende Leistung zu vertuschen. Auch Fingerpointing und Schuldzuweisungen sind von der Gruppe der nach Ruhm strebenden Truppe sehr beliebt: Ja, wo gearbeitet wird, geschehen Fehler. Statistisch gesehen, machen also Mit-arbeiter, die viel erledigen mehr Fehler als Statisten, die danach anklagen.
Aber eben: genau solche Gedanken kommen ja zugegebenerweise eher seltenene höchstens acht bis zehn Mal pro … Tag auf. In etwa. Aber dies führt dann eben manchmal dazu, dass in unregelmässigen Abständen das humane Kapitälchen nicht mehr im Strom läuft (vorwiegend, wenn das Bewusstsein auf der Ebene der ehrlichen Wachsamkeit angelangt ist).
Manchmal eckt es an, dann wird es für die finanz- und ruhmorientierten Liebhaber stöhrend und deshalb schnell an einem sicheren Ort platziert (nicht ganz zufälligerweise haben diese nicht-zum-liebhabenden habgierigen Liebhaber meistens auch eine Vorliebe für Macht, d.h sie haben sogar die Erlaubnis dies – ja sogar ungestraft - zu tun).
Funktionierendes humanes Kapital wird nicht verschrottet, verschenkt oder entsorgt. Nein, Kapital wirft man nicht aus dem Fenster, es wird im Schliessfach verwahrt. Und das Gute daran: Das durch die eigene Naivität gepeinigte Kapitälchen schlussfolgert falsch: Im Schliessfach depp-oniert zu werden bedeutet nicht per se jemandem etwas Wert zu sein und mit noch mehr Leistung mehr geschätzt zu werden, sondern nur über auszuschöpfendes Kapital zu verfügen. Aber dies wird dann erst beim Entsorgen, also – wenn man kurzerhand ersetzt wird - realisiert.
Ein ein- und vor allem ausbruchsicheres Schliessfach hat viele Vorzüge: Sich nicht konform verhaltendes aber dennoch gewinnbringendes humanes Kapital kann dort keinen Schaden mehr anrichten und es vermehrt seinen Wert unaufhaltsam. Ohne Anreizsysteme, ohne Streicheleinheiten, Goodies, Sonderbehandlung, persönlicher Entwicklungsperspektiven – also all das, was die einfach-gestrickten Netten bekommen. Und das Beste, niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, denn es bringt Erfolg. Denn das Business Modell ist genial: Ein sich selbst vermehrendes Kapital führen zu klimpernden Kassen. (M)ein Herz rast, bei diesem Gedanken (es klimpert und raschelt …. nicht).
Ja, es wird nun offensichtlich: Gewisse werden sich im neuen Jahr ein grösseres Auto und ein neues Haus kaufen. Nun habe ich den Faden meiner Story verloren, den Faden an dem das wahre Leben hängt. Der Faden mit dem wir unsere Träume stricken. Der Faden ist weg, die Realität ist immer noch da. Ich bin immer noch da. Bin ich? Immer dieselben Fragen. Das ist wirklich lästig. Ich sehne mich nach dem Tümpel der infantilen Zufriedenheit. Überglücklich bin ich erwacht, habe mich auf dem rechten Linken Fuss umgedreht und schon frage ich mich nach dem Sinn des Lebens. Frage mich: Ich arbeite mit, also bin ich. Aber, wer bin ich? Kann ich Abends noch in den Spiegel schauen? Spiegel war das Stichwort. Ich werde den Spiegel befragen, er wird mir sicher weiterhelfen können: „Spieglein Spieglein an der Wand, sag mir, wer bin ich? „ Der Spiegel zögerte … nicht und antwortet sogleich mit klarer Stimme: „Du bist die unglücklich Fleissigste und deshalb Erfolgloseste Person auf der Welt“.
Ich stehe da wie ein begossener Pudel und bin meine Sprache los und kläffe frustriert und schockiert: „Das war es nicht, was ich hören wollte“. Der Spiegel antwortet ruhig und belehrend: „Dann stelle die Frage, welche dich wirklich interessiert. Überlege gut bevor du sie stellst. Aber erwarte von mir nicht die Antwort, die du dir selbst geben könntest“.
Ich bin immer noch aufgebracht über die Antwort des Spiegels. Ich überlege, aber Emotio ist überlegen. Ich fühle die aufkommende Disharmonie, mein Körper beginnt sich zu wehren, mein Herz rast, raschelt und klirrt. Die inneren Pole von Ratio und Emotio führen zu einer unglaublichen Spannung. Ich fühle mich wie eine Flüchtige: Eine Flüchtige, die vor der Wahrheit und Lüge zugleich davon rennt. Mit beidem kann ich nicht umgehen. Aber es gibt nur Eines: Man stellt sich oder man rennt davon.
Ist es die Antwort auf diese Frage, die ich vom Spiegel erwarte? Doch wie muss ich fragen, um nicht die Antwort zu bekommen, die ich mir selbst geben kann oder die ich nicht hören möchte? Wie muss ich fragen, um nicht eine Antwort zu erhalten, die mich zur Dissonanz zwingt? Der Spiegel ist so ehrlich, er sieht die Dinge so klar und formuliert diese auch so. Ich zerbreche beinahe den Kopf des humanen Kapitals. Die die ach so schöne Welt erhält durch diese Wirrungen und Irrungen der sinnlosesten Gedanken einen zusätzlich unnötigen Komplexitätsgrad. Ja. Und schon ist es geschehen, …. ich zweifle an… allem. An mir, der Frage, dem Spiegel, dem Fluchtweg aus dem Schliessfach, an der unkreativen Autowahl der Gewinnenden, an einfach allem.
Ich wage deshalb einen Versuch, es scheint mir in diesem Moment die richtige Frage als Ausweg aus der Situation zu sein: „Spieglein Spieglein an der Wand, weshalb schmeiss ich dich nicht an die Wand?“










